Westfälische Fastnacht: mit Ständchen, Wurst und Schinken
Dieser Brauch, bei dem die jungen Männer in jedem Haus als Ständchen ein Fastnachtslied sangen oder ein Sprüchlein aufsagten und dabei im Gegenzug auf die Freigiebigkeit der Hausbewohner hofften, war früher in Westfalen weit verbreitet: Es wurden alle möglichen Lebensmittel ausgeteilt. "Aber besonders hoch im Kurs standen Würste und Stücke vom Schinken. Darauf spielten alle Bittgesänge und -verse an, daher hat das 'Wurstaufholen' in manchen Gebieten auch seinen Namen", erklärt Peter Höher, Volkskundler beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).
Für die Fastnacht hatten die Hausfrauen meist schon beim Schlachten ein paar Würste zur Seite gelegt, denn es war Ehrensache, die jungen Leute nicht ohne Gaben von dannen ziehen zu lassen. Aber auch der Schnaps floss reichlich. Die jungen Leute verzehrten die leckeren Sachen gemeinsam, meist im Wirtshaus. Manchmal wurden sogar die Spender dazugeladen, und Alt und Jung machten sich gemeinsam über die Köstlichkeiten her, denn jeder wusste: Bald bricht ja die entbehrungsreiche Fastenzeit an. Viele Junggesellen ließen auch ihren Kameraden, die gerade ihre Militärdienstzeit ableisten mussten, ein Wurstpaket zukommen.
Bereits im 19. Jahrhundert gab es aber immer mehr Klagen: In den meisten Regionen Westfalens waren es ja nicht nur die jungen Männer, sondern auch die Schulkinder, die zu Fastnacht an die Haustür klopften und ihre Verslein aufsagten. Ihr Termin war meist die "Lüttke Fastnacht", der Donnerstag vor Fastnacht, im rheinischen Karneval als "Wieberfastnacht" bekannt. In manchen Orten hatten auch die Schmiede- oder Stellmachergesellen nach altem Brauch das Recht, an diesen Tagen ein Trinkgeld von den Kunden ihres Meisters einzufordern. "Immer wieder waren auch Gruppen von Kindern und Jugendlichen aus benachbarten Orten oder sogar aus anderen Regionen unterwegs. Besonders zahlreich waren sie, wenn die Ernte schlecht ausgefallen war oder eine Teuerung die Lebensmittel fast unerschwinglich machte", berichtet Höher. Aus dem Sauerland wird berichtet, dass in den 1840er Jahren sogar der Küster und Lehrer sich auf diese Weise etwas Nahrung erbettelten, denn ihre Gehälter waren ausgesprochen dürftig.
Hintergrund
Die Fastnacht war nicht der einzige Termin, an dem traditionell das "Heischen" - so wird es in der Volkskunde genannt - stattfand. Mit regionalen Unterschieden kamen auch zu Silvester/Neujahr, Dreikönige, Petri Stuhlfeier (22.Februar), Pfingsten, Michael (29. September), Martin (11. November) und Johannes (27. Dezember) Grüppchen von jungen oder alten, bekannten oder völlig unbekannten Menschen an die Haustür und baten nach einer mehr oder weniger gelungen musikalischen, gesanglichen oder gereimten Darbietung um Wurst, Eier oder andere Lebensmittel. Im Siegerland gab es noch das sogenannte Wurstsingen zwischen Weihnachten und Neujahr. "Da kann es wenig verwundern, wenn viele Betroffene den alten Fastnachbrauch satt hatten und als 'verkappte Bettelei' empfanden. Der Ruf nach polizeiliche Kontrolle wurde immer lauter, und in vielen Orte gab es bald einen entsprechenden Passus in der Gemeinde-Polizeiordnung", so LWL-Volkskundler Höher.
"Aber dass der Heischebrauch zu Fastnacht seit dem Ende des 19. Jahrhunderts allmählich zurückging, ist wohl weniger auf solche Vorschriften zurückzuführen, sondern eher darauf, dass die Erwachsenen den Spaß an solche Sammelaktionen verloren, die alte Unbefangenheit war nicht mehr da, man fühlte sich selbst ein wenig als Bettelnder - jedenfalls überall dort, wo nicht mehr jeder jeden kannte und wo sich das enge, fast familiäre Nachbarschaftsverhältnis aufgelöst hatte", erklärt Höher. In den 1950er und 60er Jahre war das Heischen zu Fastnacht fest in Kinderhand, doch inzwischen ist selbst bei den Jungen und Mädchen dieser Termin ins Hintertreffen geraten: "Dreikönige und Halloween haben ihm den Rang abgelaufen", so der LWL-Volkskundler weiter.
Quelle: Pressemeldung Landschaftsverband Westfalen-Lippe
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