Schnaps und Speckpfannkuchen für die Erntehelfer
Am kommenden Sonntag (03.10) feiert die katholische Kirche das Erntedank-Fest. In vielen Vereinen im ländlichen Raum gibt es im Herbst auch weltliche Erntedank-Feste. Vor 100 Jahren fing das Fest mitunter schon bei der Arbeit an, zumindest war die Schnapsflasche zu dieser Zeit ein gern gesehener Gast bei der Feldarbeit. "Vor allem in der Erntezeit hatten Knechte und Tagelöhner das Recht, bei der Arbeit Alkohol zu trinken", sagt Christiane Cantauw von der Volkskundlichen Kommission für Westfalen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). "Heu- und Getreideernte verlangten eine gute körperliche Ausdauer und ohne ausreichende Mahlzeiten wären diese Tätigkeiten kaum zu bewältigen gewesen." Und der Schnaps? Dass auch er dazugehörte, liege wohl an dem hohen Kaloriengehalt des Alkohols, vermutet die Volkskundlerin.
Zum "zweiten Frühstück" seien meist sehr nahrhafte Speisen ausgeteilt worden, zum Beispiel Kartoffel- oder Speckpfannkuchen, mit Schinken belegte Brote und Buchweizengrütze. Als Getränke habe es eine mehr oder weniger große Ration Schnaps, Kaffee oder verdünnte Buttermilch gegeben. Aus Schöppingen (Kreis Borken) sei der Konsum von Bier überliefert, das in sogenannten "Bullenköppen" (sechs Liter fassendes Gefäß) transportiert wurde. "Mancherorts handelten die Helfer vor Beginn der Erntearbeiten sogar die Menge des Alkohols aus", so Cantauw.
Eine der kräftezehrendsten Arbeiten im landwirtschaftlichem Jahr war die Heu- und Getreideernte. "Feldarbeiter, die mähten oder mit der Sense hantierten, mussten sehr geschickt sein", sagt die Volkskundlerin. "Meist begannen die Arbeiten auf dem Feld im Sommer früh. So war etwa der günstigste Zeitpunkt für den Grasschnitt, bevor der Morgentau getrocknet war, weil das noch feuchte Gras sich besser schneiden ließ." Auch das Getreide sei oft in den Morgenstunden gemäht worden, manchmal sogar noch in der Nacht um zwei oder drei Uhr. Der ländliche Arbeitstag sei stark von der Jahreszeit abhängig gewesen. "Zum einen variierte die tägliche Arbeitszeit, denn sie richtete sich zwangsläufig nach dem Tageslicht und zum anderen waren die Aufgaben in den einzelnen Jahreszeiten sehr unterschiedlich." Eine besonders arbeitsintensive Zeit war der Sommer mit den zahlreichen Erntearbeiten gewesen, ehe im Herbst die Vorräte für den Winter vorbereitet wurden. Geerntetes Getreide und Früchte musste man richtig lagern und konservieren, damit sie möglichst lange haltbar waren.
Ein Großteil der Bevölkerung in Westfalen lebte um die Jahrhundertwende noch auf dem Land und war von den landwirtschaftlichen Erträgen unmittelbar abhängig. "Viele Arbeitsgänge sind heute nahezu unbekannt und wir haben kaum noch eine Vorstellung davon, welchen Arbeitsbelastungen die Menschen bis weit ins 20. Jahrhundert ausgesetzt waren", sagt Cantauw.
Hintergrund:
Die Volkskundliche Kommission für Westfalen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat mehr als 6.500 Alltagsberichte aus dem frühen 20. Jahrhundert digitalisiert. Die Informationen und Erinnerungen, darunter noch viele aus dem 19. Jahrhundert, stammen aus einer Befragung zwischen den 1950er und 80er Jahren. Die Volkskundler befragten rund 100 Westfalen zu verschiedenen Bereichen der Alltagskultur, wie Arbeit, Frömmigkeit, Kleidung oder Ernährung. Derzeit arbeiten die Volkskundler daran, die Manuskripte im Internet zugänglich zu machen.
Die Digitalisierung der Alltagsberichte, die Forscher am Seminar für Volkskunde/ Europäische Ethnologie der Universität Münster durchführen, wird durch die Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ermöglicht. Diese war bereits Geldgeber für die Bearbeitung des Westfälischen Lied- und Tonarchivs, das im Internet aufrufbar ist. Cantauw: "Zusammen mit dem Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen stellen die Bestände einen Teil unseres kulturellen Erbes in Westfalen dar und haben für die Erforschung und Dokumentation der historischen Alltagskultur einen unschätzbaren Wert, der ohne eine ausreichende Aufbereitung und Archivierung in Zukunft verloren ginge."
Quelle: Pressemeldung Landschaftsverband Westfalen-Lippe
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